Auftakt 2011 - NACHLESE

Das Wiener Landesgremium lud am 27.01.2011 zum traditionellen Auftakt-Empfang:

Die Wahrheit kann man nicht überzeichnen

Bei der Auftaktveranstaltung der Wiener Handelsagenten im Hotel Modul gab es heuer einen ganz besonderen Gast: Gustav Peichl, Künstlername Ironimus, packte nicht seinen spitzen Bleistift, sondern seine Erinnerungen und Ansichten aus.

Natürlich geht es bei so einer Veranstaltung nicht ohne die Karikaturen. Also lief eine Auswahl von Ironimus-Zeichnungen auf einem großen Wandschirm ab (dank freundlicher Unterstützung des Karikaturenmuseums Krems), es gab im Foyer das Ironimus-Karikaturenbuch zu kaufen und dazu Signaturen vom Autor.

KoR Walter Krammer, Obmann des Gremiums der Wiener Handelsagenten, verstand es als Interviewer mit Peichl gemeinsam, das Publikum von Staunen und Spaß zum Verstehen zu führen. Humor war an diesem Abend groß geschrieben. Vor allem die kleinen Scharmützel zwischen Peichl, dem Jahrzehnte langen Mitarbeiter der Presse und Krammer, dem erklärten langjährigen Presse-Abonnenten provozierten Schmunzeln und Lacher.

Wie entsteht eigentlich so eine Ironimus-Karikatur? Frühaufsteher Peichl ist auch Radiohörer. Frühjournal und Morgenjournal liefern ihm die Stories, die er dann in Bilder übersetzt. Ab geht die Post an die Redaktion. Viermal pro Woche tut sich der über achtzigjährige Architekt das auch heute noch an – gern – wie er anmerkt: „Ich werde für mein Hobby honoriert.“ Wie hoch? Seit Jahren ist die Nachfrage ungebrochen und die verlangten Honorare werden anstandslos bezahlt. Das war nicht immer so. Als der Linzer Maturant 1949 nach Wien übersiedelte um Architektur zu studieren, bot er in der geteilten Stadt seine Zeichnungen sowohl den von den Russen wie den von den Amerikanern geförderten Medien an. Und fand sehr rasch zu seiner wahren Berufung – von den gelegentlichen Zeichnungen nackter Frauen zum politischen Alltag – „ich war immer schon ein politischer Mensch“. Dicke Russen mit Orden, das fanden die Amerikaner lustig, aber sie warnten Peichl: „Leg dir einen Künstlernamen zu, sonst erwischen sie dich“. Seit damals heißt er Ironimus und die Bezahlung bestand aus Zigaretten (eine gute Einnahmequelle für einen Nichtraucher) und schon auch einmal aus Nylonstrümpfen.

Zeichnen? Er konnte gar nicht anders. „Sogar die Kegel, Kugeln und Zylinder, die wir im Schulunterricht zu zeichnen hatten, trugen bei mir die Züge der Professoren.“ Gegen deren Zorn nahm ihn die Mutter in Schutz: „Er kann halt gut zeichnen, hat sie gesagt und ich habe ihr geglaubt.“

Der Spagat zwischen Anerkennung und Ablehnung verfolgt ihn bis heute. Ironimus-Karikaturen lassen keinen kalt. „Ich kriege immer noch jede Menge Zuschriften zu meinen Zeichnungen.“ Was den Karikaturisten vom Journalisten unterscheidet ist auch rasch auf den Punkt gebracht: „Ich werde heute noch auf Karikaturen angesprochen, die ich vor Jahren gemacht habe und die mir selbst gar nicht mehr so richtig in Erinnerung sind. Haben Sie schon einmal gehört, dass sich jemand an einen Leitartikel oder Kommentar von vor 20 Jahren erinnert?“ Ganz fair scheint der Vergleich nicht. Leonardo hatte seine Mona Lisa, Peichl „seinen“ Kreisky. Auch wenn er viele andere Zeitgenossen von Androsch über Gerd Bacher bis zum „Faltengebirge“ Firnberg erfolgreich karikierte, so ist er doch mit seinen Kreisky-Zeichnungen in den Karikaturisten-Olymp eingegangen.

Vielleicht bestand eine gewisse Gegnerschaft. Peichl kommt aus einer anderen politischen Ecke als der „Sonnenkönig“. Aber kaum jemals hat wohl ein Karikaturist sein Sujet so liebevoll erforscht, so respektvoll abgebildet. Natürlich wurde Kreiskys gewelltes Haar rasch das Markenzeichen. Aber die Figur erstarrte nie zum Typ. Es gibt den verschmitzten, den ernsten, den nachdenklichen, den lauten, den pompösen Kreisky. In jedem Ausdruck stimmig, in jedem Ausdruck überraschend. Das ist vielleicht die große Kunst des Zeichners Peichl, dass er nicht nur ein Ereignis kommentiert, sondern zugleich die handelnden Personen durchschaut: Kreisky als Doktor mit Zahnarztlampe am Kopf, Hammer und Zange im Arztkittel, gibt einem Arbeiter – nackter Oberkörper, herunter gelassene Hosenträger, Schutzhelm mit der Aufschrift „Verstaatlichte“ eine Spritze. Drei Milliarden (Schilling!) sind da drin, dementsprechend dick füllt sie die Bildmitte. Die Nadel geht durch den armen Arbeiter durch, an der Spitze tröpfeln die Geldstücke zu Boden. Das ist wieder ein anderes Bild, das wir aus Grimms Märchen kennen. Esel streck dich? Der „Doktor“ Kreisky trägt diesmal eine Brille, ist ganz auf sein Tun konzentriert und signalisiert dem Betrachter doch zugleich: „Ich weiß, was ich tue“. Selbst in der Karikatur ist der Dargestellte noch ein Darsteller. Auf sein Bild in der Öffentlichkeit legte gerade Kreisky viel Wert.

„Sigmund Freud ist für mich ganz wichtig, das Unbewusste, das in meiner Arbeit zum Vorschein kommt.“ Der Ironimus ist durchaus eine eigenständige Persönlichkeit des Gustav Peichl. Das Wissen um diese Eigenständigkeit ließ und lässt ihn auch aushalten, dass gerade Politiker zu ihren Karikaturen Stellung nehmen. „Kalt lässt das keinen, aber auch wenn sie nicht einverstanden sind, so überwiegt doch immer der Stolz, einer Karikatur wert erachtet zu werden.“ Dabei fehlt auch die Kritik von anderer Seite nicht. „Viele sehen mich als zu weich. Aber das ist mein Naturell. Ich beobachte und kommentiere, aber ich rufe nicht zu Aktionen auf. Und ich möchte darstellen, aber nicht verletzen.“ Doch es gibt Themen, zu denen Peichl sich nicht äußert und es gibt Geschichten, die er nicht zeichnet, weil er den Hintergrund kennt. „Ich muss nicht an allem dran sein, so wie das aktuell ist. Ich glaube, in Wien gibt es derzeit einen Handel mit Grasser-Dokumenten.“ Aktuelle Karikatur in der Kritik. Wie ist das mit den Mohammed-Karikaturen? „Die Idee der Zeichnung ist gut, der Protest gegen die Zeichnung absichtsvoll organisiert.“

Gibt es auch „unerwünschte“ Karikaturen? Gelegentlich ja. Kirchliche Sujets waren in der Presse eine Zeit lang nicht gerade beliebt. „Der Kardinal Schönborn ist aber ein Mann mit wirklich viel Humor und Feinsinn.“ So wie Vizekanzler Josef Pröll auch. Dem hat Freund Peichl unter dem Motto „den Gürtel enger schnallen“ diesen um den Hals gehängt. Der mit seiner Leibesfülle auf Kriegsfuß stehende Pröll hat dazu herzlich gelacht. „Im Spaß darf man bekanntlich gelegentlich auch die Wahrheit sagen“, zitiert Ironimus-Peichl den großen Humoristen Erich Kästner.